Faszientraining | Oberflächliche Rücken- & Frontallinie | Teil 2

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Myofasziale Leitbahnen – Rücken- und Frontallinie

 

In der letzten Ausgabe der BODYMEDIA startete unsere Artikelreihe zu den myofaszialen Leitbahnen oder, um in der Originalsprache zu bleiben, den Anatomy Trains. Im ersten Artikel zeigten wir auf, was myofasziale Leitbahnen sind, und wir führten in das aus der Eisenbahnsprache bekannte Vokabular ein. In diesem Artikel wird es etwas konkreter, wenn wir die Oberfl ächliche Rückenlinie sowie die Fronttallinie im Detail betrachten.

Dann gehen wir in medias res und beginnen mit der Oberflächlichen Rückenlinie (ORL). Diese zieht sich durch die rückwärtige Oberfläche des Körpers, beginnend an der Fußsohle und über den Augenbrauen endend. Sie gliedert sich in zwei Teile: von den Zehen bis zu den Knien und dann von den Knien bis zum Endpunkt knapp über den Augenbrauen. Sind die Knie durchgestreckt, wirkt die ORL als eine zusammenhängende myofasziale Linie.

Auch wenn immer die Rede von der einen ORL ist, so sind es in Wahrheit zwei Zuglinien, die die ORL ausmachen. Sie verlaufen links und rechts von der Wirbelsäule. Wie das aussieht, zeigt Abb. 1. Daher ist es wichtig, darauf zu achten, dass ein Gleichgewicht zwischen beiden Seiten besteht. Funktionen der ORL Welche Aufgaben übernimmt nun die ORL im Körper? Zum einen übernimmt sie eine Haltungsfunktion. Sie unterstützt den Körper in der Extension und verhindert, dass er sich nach vorne zusammenrollt, wie ein Fötus.

Wie in Abb. 1 sichtbar wird, übernimmt bei den Knien nicht die ORL die Streckung. Das wird von den Muskeln der myofaszialen Leitbahn übernommen.

Der Fötus wurde bereits erwähnt. Die typische Haltung für ihn ist flektiert. Damit sich das im Laufe der Entwicklung verändert, verkürzt sich die ORL, sodass sich das älter gewordene Kind aufrichten kann. Die ORL hat also auch eine Bewegungsfunktion. Diese besteht in der erwähnten Extension sowie einer Hyperextension. Damit begrenzt sie die Flexion nach vorne und ermöglicht den aufrechten Stand. Sie ermöglicht sowohl Plantar- als auch Knieflexion sowie eine Rumpf- und Hüftbeugung bei gestreckten Knien. Betrachten wir die ORL noch etwas genauer im Detail. Der Startbahnhof ist auf der Unterseite der Fußsohle, der erste Gleisabschnitt verläuft an der Fußsohle. Der nächste Gleisabschnitt beginnt an der Achillessehne. Dazwischen setzt die ORL nicht an der Ferse an, sondern an der Faserhülle des Fersenbeins.

Diese Sichtweise zeigt, dass die ORL zwar in einzelne Streckenabschnitte unterteilt werden kann, aber trotzdem ein Kontinuum über den gesamten Streckenverlauf bildet. Das kann mit einem einfachen Test gezeigt werden. Beugt man sich nach vorne, als wolle man mit den Fingerspitzen die Zehen berühren, so wird das dem ein oder anderen gelingen oder auch nicht. Platziert man nun einen Tennis-, Golf- oder Lacrosseball unter der Fußsohle und beginnt, damit mehrere Minuten die Plantarfaszie zu bearbeiten, wird man bei einer Wiederholung des Tests feststellen, dass man sich weiter nach vorne beugen kann. Ein Beleg dafür, dass alles zusammenhängt, aber auch dafür, wie viel man erreichen kann, wenn man an einer Stelle einer myo- faszialen Leitbahn arbeitet.

Aber weiter die ORL hinauf. Von der Achillessehne geht es weiter zum Knie. Und hier kommt es zur ersten Entgleisung der Anatomy Trains. Eine Entgleisung ist eine Ausnahme von der Regel, dass myofasziale Leitbahnen über zur Kraftübertragung fähige Faserverbindungen laufen müssen. Denn werden die Knie gebeugt, werden die Muskeln dort voneinander „abgekoppelt“. Da die Hauptaufgabe der ORL die Extension ist, funktioniert sie an dieser Stelle auch so. Kommt es nun zu einer Flexion, wird die Schienenverbindung unterbrochen. Bei einer erneuten Streckung des Knies wird die Linie wiederhergestellt. Also halten wir nochmal fest: Im aufrechten Stand bildet die ORL ein Kontinuum von Fußsohle bis zum Vorderschädel, bei gebeugten Knien wird sie unterbrochen.

Von den Knien geht es weiter zu den Hüften und von dort zum Kreuzbein. Der folgende Gleisabschnitt ist dann der Rückenstrecker. Weiter geht es dann zu den Nackenmuskeln. Wie bereits gesagt, endet die ORL auf der Höhe der Augenbrauen. Zwar gibt es von da aus weitere fasziale Verbindungen, diese sind jedoch nicht als strukturelle Zugspannungslinie verbunden.

Welche Dehnübungen helfen?

Diese theoretischen Ausführungen sind ja alle schön und gut. Für die Praxis ist aber letztlich entscheidend, wie die ORL wieder auf Länge gebracht werden kann. Um die gesamte Linie oder auch nur Teile davon zu dehnen, eignen sich alle Arten von Vorbeugungen. Praktisch schließt das die Bewegungen: Vorbeugen im Stehen oder Sitzen (z. B. mit Erreichen oder Umfassen der Füße) oder den nach unten schauenden Hund oder den Pflug aus dem Yoga. Diese Übungen eignen sich für eine gesamte Dehnung der ORL. Aber natürlich lassen sich auch spezifische Gleisabschnitte bearbeiten, wie das obere Beispiel mit dem Ball an der Plantarfaszie zeigte. Die Waden lassen sich bspw. gut an einer Treppe dehnen. Dazu stellt man sich mit den Füßen auf die Treppenstufe und lässt die Fersen absinken. Wirbelsäule, Ischias und Nacken lassen sich ebenfalls separat dehnen.

Von hinten nach vorne

Wir gehen nun direkt von der ORL zur Frontallinie über. Da stellt sich vorher aber noch eine Frage: Wenn es eine Oberflächliche Rückenlinie gibt, muss es dann nicht auch eine Tiefliegende geben? Auch wenn die Benennung es vermuten lässt, gibt es doch keine TRL. Zwar existieren tiefere Faszienschichten, diese sind jedoch nicht als Zuglinie verbunden. Nach diesem kleinen Exkurs gehen wir nun von hinten nach vorne und von der ORL zur Oberflächlichen Frontallinie (OFL).

Die OFL startet an den Oberseiten der Füße und verläuft bis zu den Seiten des Schädels. Dabei verläuft sie in zwei Teilen. Von den Füßen zum Becken und von dort zum Kopf. Beide Teile agieren als Zuglinie, wenn die Hüfte gestreckt ist, wie z. B. im aufrechten Stand. Die OFL bildet ein Gegengewicht zur ORL und da sie oberflächlich liegt, schützt sie außerdem die weichen Teile in der Vorderseite des Körpers. Wenn man so will, ist die OFL über die Zehen mit der ORL verbunden, praktisch gesehen interagieren beide nicht miteinander an dieser Stelle. Zudem sind die Aufgaben beider Linien unterschiedlich. Die Aufgaben der OFL sind: Dorsalflexion, Extension der Knie, Flexion von Rumpf und Hüfte. Zudem ist sie maßgeblich an komplexen Bewegungen im Halsbereich beteiligt. Ähnlich wie die ORL besteht die OFL aus zwei Linien, auf den Abbildungen ist das allerdings nur sehr schwer zu erkennen.

Auch die OFL soll nun im Detail betrachtet werden. Wie bereits gesagt, beginnt die OFL an der Oberfläche der Füße. Von dort aus geht es weiter zum Schienbein. Hier verzweigen die Gleise der OFL. Entweder geht es direkt über den Rectus femoris nach oben oder aber über den Sartorius innen oder den Tractus iliotibialis außen. Eigentlich gehört nur der Rectus femoris zur OFL, während die anderen Muskeln des Quadrizeps nicht Teil davon sind. Am oberen Ende bzw. Bahnhof des Rectus femoris angekommen scheint die myofasziale Leitbahn unterbrochen oder entgleist zu sein. Die Verbindung zum oberen Teil der OFL wird über den Hüftknochen hergestellt. So ist sie dann keine Leitbahn mehr, wenn starke Hüft- oder Rumpfrotationen involviert sind. Finden die Bewegungen vornehmlich in der Sagitalebene wie z. B. beim Laufen statt, ist eine zusammenhängende Linie erkennbar. Also geht es nun am Bauch weiter. Dieser Bereich neigt bei vielen Menschen im Alltag zu verkümmern, da sie zu viel sitzen. Im Fitnessbereich kommt zusätzlich eine starke Belastung durch intensives Bauchmuskeltraining hinzu, was diesen Bereich der OFL weiter verkürzt. Weiter geht es dann über den Brustkorb an den Schädel. Hier verläuft die Zuglinie am Schädel entlang und verbindet sich mit der OFL auf der gegenüberliegenden Seite, sodass am Schädel eine Schlinge entsteht.

Auch hier gilt wieder:

So schön die Theorie ist, die Praxis ist doch wichtiger. Wie also lässt sich die OFL dehnen? Auch hier zieht der Autor Thomas Myers wieder Übungen aus dem Yoga heran. Die Kobra dehnt die komplette OFL, ebenso wie der Kniestand. Die aus dem Sportunterricht bekannte Brücke ist ebenfalls sehr wirkungsvoll. Balance zwischen ORL und OFL Nun wurden sowohl die ORL als auch die OFL im Detail und mit Dehnübungen betrachtet. Ein wichtiges Thema ist die Balance zwischen den beiden, denn ist die eine stärker oder schwächer als die andere, gerät der Körper schnell in Schieflage. Je nachdem, wo das ist, wird der jeweils anderen Zuglinie eine Extralast auferlegt. In unserer heutigen Welt ist das oft die ORL, die Mehrarbeit von der OFL bekommt. Dann wird meistens an der ORL herumgedoktert. Das wahre Problem ist aber die OFL, weshalb diese behandelt werden sollte. Um ein Praxisbeispiel zu geben. Rückenschmerzen entstehen meistens nicht im Rücken, auch wenn sie dort spürbar sind. Hier zeigen sich nur die Symptome. Das wahre Problem liegt in der OFL, die eigentlich behandelt bzw. „geöffnet“ werden sollte.

Fazit

Wer sich mit den Anatomy Trains befasst, merkt schnell, wie wichtig ein Beweglichkeitstraining ist, denn verkürzen auch nur Teile der Leitbahnen kann das Kartenhaus menschlicher Körper schnell zusammenfallen und viele Bewegungen können nicht korrekt ausgeführt werden. Das zeigt die wachsende Bedeutung des Beweglichkeitstrainings. Praktischerweise können die Dehnübungen überall ausgeführt werden. Daher sollten sie zum Repertoire jedes Fitnesstrainers gehören. Im nächsten Heft werden dann Lateral-, Spiral- sowie die Armlinie betrachtet.

Anatomy Trains | Myofasziale Leitbahnen – Rücken- und Frontallinie

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Vielen Dank an Jonathan Schneidemesser | Bodymedia Chefredakteur